Zitat #29 - Die Känguru-Chroniken (1)

"Nochmal zum Mitschreiben", sage ich. "Du behauptest jetzt also, dass du mir gar keine 4,95 schuldest?"
"Genau", sagt das Känguru. "Und wenn jetzt zum Beispiel alle so tun, als hätte Berlin keine Schulden mehr, dann hätte Berlin auch keine Schulden mehr."
"Ja", sage ich, "aber warum sollten das die Gläubiger tun?"
"Das ist ja das Schöne daran", sagt das Känguru. "Es reicht, wenn's die Schuldner tun. Wenn sich die alle einig sind - das wären dann nämlich 99,9 Prozent der Weltbevölkerung -, könnten die Gläubiger kommen und sagen: 'Ey, ihr habt Schulden bei uns', und wir stellen uns einfach dumm und sagen: 'Weiß ich nix von...' "
"Hm", sage ich.
"Und jetzt stell dir vor, wenn einfach alle so tun würden als hätte keiner mehr Schulden. Dann gäbe es keine Schulden mehr. Das ist doch irre. Da lässt man die Leute verhungern oder erfrieren, aber nicht weil's an Häusern oder Käsestullen mangelt, sondern nur wegen Hirngespinsten."
"Ja, aber wenn man deinen Vorschlag in die Tat umsetzt, dann würde, glaube ich, das ganze Weltwirtschaftssystem zusammenbrechen", sage ich.
"Umso besser", sagt das Känguru. "Taugt eh nix."
("Die Känguru-Chroniken" von Marc-Uwe Kling, Seite 83)

BR - Ingo Thiel - SOKO im Einsatz




 Titel: SOKO im Einsatz
 Reihe: -
 Autor: Ingo Thiel
 Genre: Sachbuch
 Verlag: Ullstein
 ISBN: 9783548375298
 Seitenzahl: 221 Seiten
 Preis: 8,99€








Inzwischen scheint gefühlt jeder zweite in den Ruhestand gegangene Polizist ein Buch über seine Arbeit zu schreiben. Das ist natürlich überspitzt formuliert, aber ich habe meinen Schwiegervater, der Polizist, schon mal scherzhaft danach gefragt, ob er das später auch mal vor hat, was er mit einem ebenso scherzhaften "mal sehen" beantwortete.

Dabei meine ich das gar nicht abschätzig, denn die Arbeit in einer Sonder- oder Mordkommission ist für uns, die wir normalerweise keinen bis wenig Einblick darin haben, natürlich sehr spannend. In der Regel gehören die meisten von uns nämlich zu dem Teil der Bevölkerung, der bloß die unter dem Strich stehenden Ermittlungsergebnisse verfolgt, wenn überhaupt. Der Antworten auf grausige Taten erwartet, der erwartet, dass der oder die Schuldigen überführt, gefasst und verurteilt werden. Ingo Thiel erzählt in seinem Buch von drei größeren Fällen seiner Karriere als Mordermittler, darunter auch dem durch die Presse im ganzen Land gegangene Fall des zehnjährigen Mirco. Glücklicherweise schlachtet er dabei keine grausigen Details aus, sondern konzentriert sich vor allen Dingen darauf, die Ermittlungsarbeit zu beschreiben und zwar von Anfang bis Ende. Wie sie damit beginnt, dass die Beamten zum Tatort gerufen werden. Wie die "heiße Phase" der ersten Stunden, Tage und Wochen abläuft. Wie sehr die Presse gleichzeitig Helfer der Polizei sein, durch nicht fundierte Berichterstattung aber auch die Ermittlungen torpedieren kann. Und natürlich auch inwieweit sich der Druck der Öffentlichkeit auf die Arbeit der Beamten auswirkt. Es werden schnelle Ergebnisse verlangt und wenn die Ermittler diese nicht vorlegen können, passiert vor allen Dingen eines schnell: es wird an Kompetenz und vor allen Dingen an Erfolgsaussichten der Polizei gezweifelt.
Gerade im Fall Mirco haben sich die Ermittlungen, die Zeugensuche und -befragung und alles weitere sehr lange hingezogen und so ist es mir auch im Buch vorgekommen. Ich hatte richtig das Gefühl gemeinsam mit den Ermittlern in dieser Sackgasse festzustecken. Was man also auf der einen Seite als Länge im Buch bezeichnen könnte, spiegelt vielleicht einfach bloß sehr gut wieder, wie sich die Beamten gefühlt haben müssen. Keine neuen Hinweise, es vergeht immer mehr Zeit, die Wahrscheinlichkeit noch neue zu finden wird immer geringer, trotzdem wollte keiner aufgeben und hinschmeißen. Letzten Endes ist man dann doch sehr erleichtert, dass sich alles aufklärt - wenn auch sicherlich nicht so erleichtert wie die Ermittler, die Monate, manchmal sogar Jahre in solche Fälle investieren.

Meiner Ansicht nach gehört "SOKO im Einsatz" zu den besser geschriebenen Vertretern dieses Real-Crime-Genres, gerade weil es sich sehr auf die Ermittlungsarbeit stützt und weniger auf den Schockeffekt oder dramatische Vermutungen über die letzten Momente der Opfer setzt. Dafür gibt es von mir vier Blümchen.


Aussehen: ♥♥♥
 Spannung: ♥♥♥♥
 Schlüssigkeit: ♥♥♥♥
 Emotionale Tiefe: ♥♥♥
 Schreibstil: ♥♥♥♥









Gemeinsam Lesen #64 - Die Känguru-Chroniken

 veranstaltet von: Schlunzenbücher

Guten Morgen! :)

Wieder einen Tag der Woche geschafft, auch wenn es gestern erst der erste war. Man muss sich an den kleinen Dingen des Lebens freuen. Legen wir los!


1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?





"Die Känguru-Chroniken" von Marc-Uwe Kling
Seite 38



2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?
"Das kann ich nicht verraten", sagt das Känguru.


3. Was willst du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden? (Gedanken dazu, Gefühle, Zitat, was immer du willst!)
"Die Känguru-Chroniken" ist definitiv ein Ich-wollte-schon-immer-mal-Buch. Gerade hat der Ullstein Verlag einen sehr hübschen Schuber mit allen drei Bänden der Känguru-Chroniken rausgebracht, weshalb das Buch, das ich gerade vor mir liegen habe, eigentlich noch sehr viel hübscher ist das das Cover oben, aber es gibt keine Einzelbilder von dem Schuber, sodass es eben so genügen muss.

Ich hab schon auf den ersten paar Seiten gemerkt: das Buch in Bus und Bahn zu lesen wird anstrengend, denn ich muss dauernd kichern, grinsen oder lachen. Aber ich glaube, dass es mir sehr viel Freude machen und einen super Auftakt zum Juni-Motto (deutsche Autoren) der Mottochallenge bilden wird!

4. Fällt es dir leichter eine Rezension zu einem guten, oder einem schlechten Buch zu schreiben?
Das kommt immer sehr drauf an. Also bei guten Büchern habe ich manchmal schon das Problem "oh mein Gott, ich fand den Schreibstil toll und ich habe die Charaktere geliebt und überhaupt war alles einfach großartig" so in Worte zu kleiden, dass ich mich a) nicht dauernd wiederhole (weil es SO großartig war, ihr wisst schon) und b) es trotzdem irgendwie noch Hand und Fuß hat und ich das auch begründen kann - obwohl das natürlich immer ein sehr subjektiver Eindruck ist. Und manchmal gefallen einem Sachen eben, weil sie einem gefallen. Punkt.
Bei schlechten Büchern hängt es davon ab: hat mir das Buch aus bestimmten Gründen aktiv nicht gefallen (meiner Ansicht nach schlecht geschriebenen Charakteren, irrsinnigen und unnötigen Handlungssträngen, langweiliger Schreibstil) oder hat mir das Buch sozusagen passiv nicht gefallen (hab ich deshalb nichts Gutes zu sagen, weil die Story völlig an mir vorbei geplätschert ist, mich nicht gepackt hat und einfach nichtssagend oder möglicherweise einfach nur auch zum jetzigen Zeitpunkt nicht das richtige für mich war)? Bei dem was ich jetzt mal "aktiv nicht gefallen" genannt habe, fällt es mir in der Regel leichter, weil mich das Buch schon beim Lesen aufregt und ich dann auch genau weiß was mich gestört hat.

Und bei euch? Was geht euch besser von der Hand?

Liebe Grüße






Cover Monday #58 - Die Tage, die ich dir verspreche

Eine Aktion von The emotional Life of Books


Einen wundervollen guten Abend,

heute habe ich was brand aktuelles und großartiges für euch zu bieten. Quasi so aktuell, dass es das Buch noch gar nicht gibt, aber ich muss es euch trotzdem heute schon zeigen:



Wie fühlt es sich an, das Herz eines Fremden in sich zu tragen? Dieser Frage widmet sich Lily Oliver in ihrem bewegenden Roman "Die Tage, die ich dir verspreche".
»Du hast Glück, Gwen, alles wird gut, Gwen.« Seit ihrer Herztransplantation hört Gwen nichts anderes mehr. Doch statt überschäumender Lebensfreude fühlt sie nur Schuld gegenüber dem Menschen, der für sie gestorben ist. Und so fasst sie in einer besonders verzweifelten Nacht einen ungeheuerlichen Plan: Sie will ihr neues Herz verschenken und sterben. Ihr entsprechendes Angebot in einem Internetforum liest dessen Moderator Noah, ein junger Student, der keinen großen Sinn in seinem Leben sieht. Er hält ihr Angebot für einen üblen Scherz, geht aber zum Schein darauf ein. Erst als Gwen am nächsten Tag vor ihm steht, um ihn beim Wort zu nehmen, erkennt er, wie schrecklich ernst es ihr ist. Nur mit einem gewagten Handel und einer furchtbaren Lüge kann er ihr das Versprechen abringen, ein paar weitere Tage durchzuhalten. Tage, in denen Noah alles daran setzen muss, Gwen von etwas zu überzeugen, woran er selbst kaum noch glaubt: Dass das Leben lebenswert ist.

Ich mag einfach die Farbzusammenstellung und die Art wie die Schrift gesetzt wurde gefällt mir auch sehr gut. Es setzt sich schön zusammen und passt vielleicht auch ein kleines bisschen zur Thematik des Buches. Ich lese es gerade und es gefällt mir super gut.

Was sagt ihr zum Cover und zur Thematik? Ist diese ganze "unheilbar-krank-liebesgeschichten-Geschichte" schon wieder out oder tatsächlich noch immer ergreifend und spannend?
Wenn euch das ganze neugierig gemacht hat, dann kann man das Buch ab dem 1. September lesen.

Liebe Grüße!






Zitat #28 - Die Mutter meiner Mutter (1)

Wenn ich abends nach Hause komme, schaue ich hinter Türen und unter das Bett. Ich schließe hinter mir die Wohnungstür ab und stelle einen Stuhl davor. Ich habe diese Routine verinnerlicht. Lange habe ich gedacht, meine Angst käme daher, dass ich der Großstadt nicht gewachsen sei, weil ich in einem kleinen Dorf behütet groß geworden bin.
Erst jetzt verstehe ich, dass es ein Erbstück unserer Familie ist, diese Angst, die von einer Tochter zur nächsten vererbt wird.
("Die Mutter meiner Mutter" von Sabine Rennefanz, Seite 119)

BR - Anne Freytag - Mein bester letzter Sommer




 Titel: Mein bester letzter Sommer
 Reihe: -
 Autor: Anne Freytag
 Genre: Roman
 Verlag: Heyne fliegt
 Seitenzahl: 368 Seiten
 Preis: 14,99€






„Nur das mit dem Sterben, das ist so eine Sache. Denn, wenn wir begreifen, was wir hinter uns lassen, wenn wir erst sehen, was uns immer von dem abgelenkt hat, was wir wirklich wollten oder wir kapieren, dass wir nie die wurden, die wir werden wollten, bleibt das Bedauern. Das, was mir am meisten leidtut, ist, dass ich erst sterben musste, um zu verstehen, wie wunderbar das Leben sein kann. Ich hatte alles. Insbesondere Zeit. Aber ich habe sie nicht ausgekostet.“

Wann du die große Liebe triffst, kannst du dir nicht aussuchen. Tessa hat immer gewartet – auf den perfekten Moment, den perfekten Jungen, den perfekten Kuss. Weil sie dachte, dass sie noch Zeit hat. Doch dann erfährt das 17-jährige Mädchen, dass es bald sterben muss. Tessa ist fassungslos, wütend, verzweifelt – bis sie Oskar trifft. Einen Jungen, der hinter ihre Fassade zu blicken vermag, der keine Angst vor ihrem Geheimnis hat, der ihr immer zur Seite steht. Er überrascht sie mit einem großartigen Plan. Und schafft es so, Tessa einen perfekten Sommer zu schenken. Einen Sommer, in dem Zeit keine Rolle spielt und Gefühle alles sind.


Meine Kollegin hatte das Buch vor mir gelesen und es mir dringend ans Herz gelegt. Was sollte ich da also machen? Da kann man sich schließlich kaum wehren und ich bin froh, dass sie mich so sehr dazu gedrängt hat Mein bester letzter Sommer zu lesen. Das Buch ist einfach allumfassend großartig! Es gibt große Gefühle, Trauer, Angst, herzergreifende Momente, etwas zu lachen und doch auch die Gewissheit, dass das Ende nah ist und es dieses Mal wohl kein Happy End geben wird. Der Autorin gelingt einfach die perfekte Mischung aus Teenager-Romanze und dramatischer Leidensgeschichte im besten Sinne. Es ist zu keinem Moment kitschig oder wirkt konstruiert. Es spielt, wie das Leben eben spielt und ist dabei nicht unbedingt fair.
Das Cover vermittelt vielleicht eine nette Sommeromanze, doch spätestens der Klappentext macht klar, dass sich hinter dem ansprechenden, träumerischen Cover mehr verbirgt, als leichte Sommerlektüre mit viel Schmalz und Liebe. Besonders schön finde ich die Innengestaltung des Einbands. Im vorderen Bereich findet man dort eine Zeichnung einer Landkarte von Italien, auf der die Reiseroute der beiden Teenager eingetragen ist. Am Ende des Buches befindet sich dann eine Auflistung der Reiseplaylist, die die beiden gehört haben auf ihrer Reise. Eine schöne Idee, die dem Buch und der Geschichte meiner Meinung nach noch eine ganz neue Dimension hinzufügt und die Charaktere noch etwas tiefer gestaltet.
Der Roman ist nicht unbedingt auf Spannungshöhepunkte ausgerichtet, doch das macht nichts, denn was man hier erwartet sind keine spannenden Rennen um die Zeit, sondern das langsam entfaltende Vertrauen von Tessa und Oskar. Von Anfang an begleitet den Leser die Hoffnung, dass es am Ende gut ausgehen wird und genau das trägt einen auch förmlich durch die ganze Geschichte. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, einfach weil ich mich an dieser Hoffnung festhalten wollte. Die Kapitel waren von der Länge her genau richtig und endeten stets so, dass ich nicht das Gefühl hatte in dem Moment schon aufhören zu können, denn vielleicht würde die Lage ja auf der nächsten Seite schon eine andere sein. Wie viel Zeit würde Tessa bleiben? Würden sie wirklich aufbrechen und die Reise machen? All diese Fragezeichen treiben einen förmlich durch die Geschichte und machen konstruierte Spannungsaufbauten vollkommen unnötig.
Auch wenn wirklich nichts konstruiert ist und keine unnötigen Spannungskurven eingebaut sind, so ist doch schon zu Anfang des Buches klar, wo die Geschichte hinsteuern wird. Die Autorin schafft es dennoch schlüssig zu diesem Ende zu kommen ohne, dass man am Ende das Gefühl hat alles vorhergesehen zu haben. Das liegt auch daran, dass sie ihre Protagonisten und auch alle anderen Figuren in der Geschichte sehr menschlich gestaltet hat. Oftmals gibt es in Jugendbüchern Protagonistinnen, die mit den Problemen in ihrem Leben einfach so umzugehen wissen, doch bei Tessa ist das nicht der Fall. Deutlicher wird es vielleicht noch an ihrer Schwester, die stets das Gefühl hat im Schatten zu stehen. Sie ist diejenige, die leben wird und dennoch dreht sich alles nur um Tessa, die mit ihrem Leben doch ohnehin schon abgeschlossen hat. An Larissa wird sehr deutlich wie schwer es ist zugleich zu akzeptieren, dass sie ihre Schwester verloren hat schon lange bevor sie tot ist und die Eifersucht, die dennoch an ihr nagt, weil Tessa immer der Mittelpunkt ist, ganz gleich was sie tut. In dem Aufsatz, den Larissa in der Schule geschrieben hat, wird dies alles besonders deutlich und ihre Gedanken sind mehr als nachvollziehbar gestaltet.
An der Beziehung der Schwestern zeigt sich auch wie unglaublich feinfühlig und gefühlvoll die Autorin an das Thema herangeht und wie großartig sie es in ihrer Geschichte verarbeitet. Emotional hat mich lange kein Buch mehr so sehr berührt wie die Geschichte von Tessa, die fast zu lange darauf gewartet hat richtig zu leben.

Dieses Buch hat rundum die fünf Blumen verdient. Anne Freytag schreibt eine dramatische Liebesgeschichte, die unter die Haut geht, den Leser im Innersten berührt und noch für Wochen in den Gedanken nachwirkt. Das alles schafft sie gleichzeitig mit viel Gefühl und doch auch einer Portion Humor. Für mich eines der besten Bücher des Jahres.

Aussehen: ♥♥♥♥♥
 Spannung: ♥♥♥♥
 Schlüssigkeit: ♥♥♥♥♥
 Emotionale Tiefe: ♥♥♥♥♥
 Schreibstil: ♥♥♥♥♥

BR - Alexander Maksik - Die Gestrandete




 Titel: Die Gestrandete
 Reihe: -
 Autor: Alexander Maksik
 Genre: Roman
 Verlag: Droemer
 Seitenzahl: 288 Seiten
 Preis: 19,99€






"Mehr Almosen. Was konnte die Frau in ihrem Gesicht sehen, was Jacqueline in der Toilette selbst nicht gesehen hatte? Sie musste es herausfinden, damit sie es verändern konnte. Es sei denn, es war einfach ihre Hautfarbe und ganz und gar nichts Verstecktes, Geheimnisvolles. War schwarz zu sein auf dieser Insel gleichbedeutend damit, ein Flüchtling zu sein?"


Jacqueline ist eine Gestrandete. Heimatlos, sprachlos. Sie ist 23 Jahre alt und aus ihrem afrikanischen Geburtsland geflohen. Nun kämpft sie an einem griechischen Strand ums Überleben. Tagsüber versucht sie, unter den Touristen nicht aufzufallen, nachts wäscht sie sich im Meer. Sie trägt nur ihre Kleidung und Erinnerungen bei sich. Mehr nicht. Doch über das Erlebte kann sie nicht sprechen. Bis ihr eines Tages eine Griechin Essen anbietet. Jacqueline beginnt zu erzählen – von ihrer Familie, ihrem Land, ihrer Flucht. Und davon, dass Erinnerungen, Erlebnisse und Überleben oft keinen Platz für Hoffnung lassen.

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich auf das Buch vielleicht niemals aufmerksam geworden wäre, wenn die liebe Vertreterin auf dem Verlagsabend von Droemer nicht so voller Herzblut von dem Buch erzählt hätte. Das Cover ist zwar hübsch, aber nicht unbedingt ein Hingucker zwischen all den bunten Sommerlektüren, die sich da in den Regalen bereits tummeln. Dennoch ist es passend zur Thematik. Ein Thema, bei dem man auf den ersten Blick vielleicht denkt: „Bitte nicht schon wieder sowas politisches. Über Flüchtlinge höre ich im Fernsehen doch wirklich genug.“ Aber genau so ist es nicht. Was man im Fernsehen hört oder in der Zeitung liest, das sind meistens trockene Berichte darüber, wie schlimm alles für uns ist, weil die Flüchtlinge da sind und immer mehr kommen. Dieses Buch beleuchtet allerdings die Geschichte eines solchen Flüchtlings. Zwar ist es kein biographischer Roman, doch das Schicksal der Protagonistin steht stellvertretend für so viele andere Menschen. Jacqueline ist jünger als ich und musste doch schon so viel mehr durchmachen. Natürlich geht es um schreckliche Dinge, die sie erlebt hat und auch um die Politik, die dahinter steht und den Menschen nicht hilft, aber man bekommt einen vollkommen anderen Einblick. Einen Einblick, der einen zum Grübeln bringt und noch weit über das Buch hinaus Wirkung hat.
Der Leser wird einfach mitten in die Geschichte der Protagonistin geworfen. Sie hat es bereits bis nach Griechenland geschafft. Etwas, das nicht jeder Flüchtling aus Afrika schafft. An einigen Stellen erhält man einen Einblick, wenn sich Jacqueline an die Schiffsfahrt erinnert und wie viele auf dem Weg gestorben sind, immerhin nicht von den Feinden im eigenen Land getötet, aber doch auf der Flucht gestorben ohne je die Freiheit gekannt zu haben. Anfangs empfand ich diese Art und Weise des Erzählens etwas schwierig, weil man sich so viel zusammenreimen musste, doch am Ende ergab alles einen Sinn und fügte sich zusammen und hat für mich auch den Reiz ausgemacht das Buch bis zum Ende zu lesen.
Ein weiterer Punkt am Schreibstil, der es mir etwas schwer gemacht hat, ist der Glaube der Protagonistin und ihre Erinnerungen. An vielen Stellen spricht sie mit ihrer Mutter, als wäre diese noch da und würde wirklich mit ihr reden. Sie erinnert sie immer wieder an Gott zu glauben. Es fiel mir schwer mir das vorzustellen, da ich glaube, dass nach all den schrecklichen Dingen, die dort durchgestanden wurden, der Glaube irgendwann einfach brechen muss. Deshalb ging mir die Mutter irgendwann einfach nur noch auf die Nerven, doch ich denke, dass das wirklich eine sehr subjektive Empfindung ist. Allerdings geriet die Handlung in Griechenland dadurch natürlich immer wieder etwas ins Stocken.
Der Autor ist dafür an die schrecklichen Ereignisse, die seine Protagonistin durchgestanden hat, sehr gefühlvoll herangegangen und findet genau den richtigen Mittelweg zwischen sachlicher Beschreibung und zu großem Abstand von den Ereignissen. Es wirkt zu keinem Zeitpunkt konstruiert oder künstlich dramatisiert. Jacqueline musste schreckliches durchstehen und doch vielleicht nicht alles auf einmal. Oft habe ich bei solchen Geschichten von Leid und Schmerz das Gefühl, dass man zu viel Kummer und Leid in einen Charakter packen wollte, doch in diesem Fall ist alles stimmig. Auch hat die Protagonisten ihre Schwächen und bricht immer wieder unter der Last der Ereignisse zusammen. Sie reagiert menschlich und das ist in einem solchen Roman vielleicht noch wichtiger als sonst.
Mir fehlten in dem Buch eindeutig Kapitel. Es ist schwer in der Handlung zu bleiben, die immer wieder durch die inneren Gespräche mit der Mutter unterbrochen wird, wenn man das Buch zwischendurch weglegen muss. Es gibt einige Große Abschnitte, die eigenständig betitelt sind und dann noch die kleinen Gedankenstriche, die einzelne Zeitpunkte der Geschichte trennen, doch oft fand ich diese Abbrüche an den Punkten eher verwirrend als hilfreich. Ich hätte mir Kapiteleinteilungen gewünscht, doch was das angeht bin ich ja ohnehin etwas eigen.

Mit „Die Gestrandete“ hat sich Alexander Maksik getraut eine Thematik zum Teil seines Romans zu machen, die aktueller nicht sein könnte und die das Potential hat vielen Menschen die Augen für das zu öffnen, was die Flüchtlinge, die täglich in unser Land kommen, alles schon durchgemacht haben. Er beschreibt die Ohnmacht, die Angst, die Hoffnungslosigkeit und auch das Versagen der Staaten und der Menschen, die in ihnen leben. Auf höchst gefühlvolle Art erzählt er das Leiden einer jungen Frau, die nichts mehr besitzt, nicht einmal mehr Hoffnung und die dennoch weiter lebt. Auch wenn ich am Ende nur drei Blumen vergebe, weil ich meine Probleme mit dem Schreibstil hatte, empfehle ich wirklich jedem dieses Buch zu lesen. Es verändert die eigene Sicht auf die Dinge in so vielerlei Hinsicht.

Aussehen: ♥♥♥♥
 Spannung: ♥♥♥
 Schlüssigkeit: ♥♥♥♥♥
 Emotionale Tiefe: ♥♥♥♥♥
 Schreibstil: ♥♥♥♥










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